Gipfelfotos – Knipsen auf höchsten Niveau.

Beim Bergsteigen gibt es wohl weltweit seit der größeren Verbreitung von Kompaktkameras ein Ritual : Auf dem Gipfel muss ein Foto her ! Nur dann hat man Beweis, dass man tatsächlich oben war.

Komposition

Es ist die Zeit für große Posen. Man reckt die Arme oder die Eisgeräte, die man ja eh‘ mit sich führt, in die Luft, steht auf einem Bein, macht sonst irgendwelche Faxen oder schüttelt sich die Hände zum Gipfelsieg. Auch Freudentänze sind erlaubt.

Gipfelfotos werden in der Regel sofort nach der Gipfelankunft gemacht – also noch bevor man sich eventuell hinsetzt, und seinen Müsliriegel verzehrt. Wahrscheinlich sind deshalb alle noch so euphorisch. Deshalb sind Gipfelfotos auch nicht so diszipliniert und gestellt wie das offizielle Saisonfoto von Fußballmannschaften, etwa vor der neuen Saison oder einem wichtigen Pokalspiel.
Manchmal ist es ein wildes durcheinander, manchmal ist auch nur wenig Platz auf dem Gipfel. Eher schon hat alles den Charakter von Partyfotos zu fortgeschrittener Stunde.

Technische Herausforderungen

Bei Solotouren hantiert man mit Selbstauslöser oder knipst aus der langen Hand. Der Horizont ist schief, aber das ist egal. Man kann auch keinerlei Rücksicht auf das Wetter oder gar den Sonnenstand nehmen. In der kurzen Zeit, die in der Regel auf dem Gipfel verweilt wird, müssen solche Randbedingungen einfach hingenommen werden.

Fremdautoren

Manchmal hat man das große Glück, einen Bergsteiger aus einer anderen Gruppe fragen zu können, bitte ein Foto zu machen. Meistens drückt dieser aber auch nur teilnahmslos auf den Auslöser der mitgeschleppten High-End Spiegelreflexkamera.
So dass Mangels Kenntnis der Zoomfunktion zumindest fotografisch die Füße amputiert werden. Wofür trägt man wohl ein schweres Superzoomobjektiv auf 4000m ü. N.N. ?

Kostümierung

Aber auch das spielt auch keine Rolle, da man bei einigermaßen hohen Bergen oder auch bei schlechter Witterung, sowieso nicht erkennen kann, wer auf dem Foto zu sehen ist. Da natürlich alle in dicker Winterbekleidung mit Helm, Mütze, Balaklava und Gletscherbrille bestens vermummt da stehen. Dies ist besonders wichtig, um zu zeigen wie extrem, kalt, und gefährlich der Gipfel doch war.

Location

Vom schönen Panorama ist bei Gipfelfotos oft nicht viel zu sehen. Dafür gibt es extra Fotos. In vielen Alpenländern hat die örtliche Tourismusbehörde gottlob fast alle Gipfel mit Kreuzen oder kleinen Denkmälern versehen. Diesen Dienst am Kunden kann man gar nicht hoch genug anrechnen. Nur so ist der Gipfel eindeutig identifizierbar, und es erleichtert die Orientierung. Hierdurch kann der Gipfelaspirant auch bei schlimmsten Schneetreiben sein Ziel finden. Es soll ja Leute geben, die sich bereits auf einem Vorgipfel am Ziel wähnten, und vorzeitig vor dem eigentlich höchsten Punkt bereits den Rückweg antraten. Das gilt dann natürlich nicht.
Manche Gipfel sind auch so flach, das man nach der richtigen Stelle zum Posieren regelrecht suchen muss. Also : Beim richtigen Gipfelfoto muss das Kreuz und die Person mit drauf – das Panorama ist „nice to have“. Sonst könnte ja jeder kommen, sich auf einen Schneehügel stellen, und behaupten, er wäre auf dem Mont Blanc gewesen.
Wobei dies ein schlechtes Beispiel ist, der höchste Berg der Alpen ist noch nicht durch ein Denkmal an seiner Spitze verschandelt.

Doch mehr als reine Beweisfotos ?

Kurz gesagt, Gipfelfotos sind meistens keine schönen Bilder – aber durchaus interessante Zeitdokumente. Geradezu präsentiert wird hier die aktuelle Outdoor- und Sicherungsgerätemode, und man kann auch ohne soziale Netzwerke wie Facebook über die Jahre erkennen, wer mit wem in einer Seilschaft zusammen ist.

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